Fragen und Antworten: Renzo Martens "Episode III Enjoy Poverty"

Ein Eintrag über die Berlin Biennale am Oranienplatz, die vor kurzem zu Ende gegangen ist: Die Dokumentararbeit des holländischen Künstlers Renzo Martens “Episode III Enjoy Poverty” sollte der zweite Flügel eines so konzepierten “mittelalterlichen Triptychons” darstellen, dessen erster Flügel seine frühere Arbeit über den Tschetschenien-Konflikt ist und dessen Mittelteil noch fehlt. Für “Episode III Enjoy Poverty” reist Renzo Martens in den Congo, um von Kinshasa bis zum Hinterland des Landes die lukrative Vermarktung und Ausbeutung der Armut durch “westliche Retter” zu entlarven. So filmt er UN-Friedenswächter und westliche Fotografen, die die Leichen von Goldgräber-Rebellen verewigen möchten, Hilfsorganisationen, die mit ihren üppigen Logos gierig nach Bildern von Armut suchen, um ihre Aktivität zu legitimieren und einen Landbesitzer, der patinierte Schwarzweißportraits von seinen Landarbeitern im Tageslohn ausstellt, die eigentlich nicht genug verdienen, um ihre Söhne zu ernähren. Renzo Martens Feststellung ist eindeutig und provokativ: die Armut ist eines der größten “Export-Produkte” aus Afrika und der Kampf gegen sie zeugt von einer Industrie, von welcher die Armen am wenigsten profitieren. Ebenso klar ist Renzo Martens Lösung: er will der kongolesischen armen Bevölkerung die Armuts-Maschinerie bewusst machen und sie zur Opposition bewegen: sie sollten selber dokumentieren und die Fotokameras anstatt auf Hochzeitsfeiern und lokale Folklore auf unternährte Kinder richten.

Zum Schluss baut Martens mitten im Wald ein Neonschild mit der blauen Schriftauf: “Enjoy (please) Poverty”. Die lokale Bevölkerung tanzt nachts unter dem blauen Licht des Schildes: dies ist kein kathartischer oder fröhlicher Tanz: die Szene erhält etwas bedrohliches und das Tanzen ist eher wie der verbrüdernde Tanz vor einem morgigen Kampf. Hier der Trailer mit der Tanzszene:

In “Episode III Enjoy Poverty” stellt Renzo Martens ständig Fragen. Er ist oft im Bild zu sehen, mal als investigativer Journalist, als engagierter, egozentrischer Künstler, mal als aufklärerische Außenperspektive, die die lokale Bevölkerung aufklären will. Seine Frage sind einerseits provokative (und polemische) Stiche gegen unmoralische westliche Aktivisten, andererseits richten sie sich auf die konkrete Betonung eines Status Quos. Genau diese zweite Art des Nachfragens ist für mich hier am interessantesten und gleichzeitig am problematischsten: Renzo Martens fragt als Off-Stimme nach scheinbar offensichtlichen Tatsachen, in dem Trailer zum Beispiel bewegt sich die Kamera fokussiert zu einem Mann, der nicht bei dem gerade stattfindenden Tanz teilnimmt, dann kommt die einfache Frage “What are you doing here?” und die ebenso klare Antwort: “I am doing the light here”. In diesem Fall hätten wir Zuschauer dies auch ohne das Nachfragen des Autors sehen können: diese Art von Fragen bringen keine neuen Erkenntnisse, starten keinen Dialog oder Konfrontation, sondern eher impliziert und unterstellt hinter der Offensichtlichkeit oder der Plakativität der Frage. Zum Beispiel könnte die allgemeine Frage/Antwort: “what are you doing here?”/I am doing the light here” so ergänzt werden: “Das Tanzen und sich Amüsieren ist immer auf Kosten von jemand anderem” oder etwas ähnliches. So steckt hinter dieser naiven Frage eine implizite oder zynische Überlegung des Autors, der nach Beweisen seiner apriorische These sucht.  Was ich mich eben frage, ist, ob diese Art des Nachfragens eine Instrumentalisierung des Interviewten darstellt, der sozusagen zu einer “Projektionsfläche” für einen allerwissenden Autor gemacht wird. Anders gesagt: der Interviewte antwortet einer banalen Frage, deren banale Antwort als Beweis für eine von dem Autor aufgestellte These gilt. Der Autor wird zur misstrauischen Hand und der Interviewte zur unsicheren Marionette.

Diese Art des Nachfragens stellt in “Episode III Enjoy Poverty” kein isoliertes Verfahren dar: Auch wenn es ein extremes Beispiel ist, so sind mir sind gleich die grotesken Sketche der sizilianischen Filmemachern Ciprì und Maresco eingefallen, die ich gerade für mich wieder entdecke:

Bald mehr über Ciprì und Maresco und sein Programm “Cinico TV”…

imdb: new title policy

Man darf mich gerne einen Pedant schimpfen, aber die neue “title policy” der internet movie data base geht mir ziemlich gegen den Strich. Seit einigen Wochen zeigt die Website bei Filmen aus nicht-englischsprachigen Ländern nicht mehr automatisch den Originaltitel, sondern – soweit vorhanden – einen englischen Titel an. Sinn ergibt ein solches Vorgehen höchstens in Fällen, in denen der englische Titel dem nichtenglischen von Anfang an gleichrangig ist, wie zum Beispiel im Hongkong-Kino. Ärgerlich ist das Vorgehen ansonsten weniger aus ideologischen, denn aus pragmatischen Gründen: Die englischen Filmtitel sagen einfach weniger über die Filme aus, als die vom Regisseur / der Produktionsfirma ausgewählten. Das kulturelle Wissen über die Kinematografien nicht-englischsprachiger Länder vermindert sich durch einen derartigen Schritt fast automatisch. Hinzu kommt, dass der englische Titel, den imdb anzeigt, beileibe nicht immer der gebräuchlichste ist. Ozu Yasujiros Otona no miru ehon – Umarete wa mita keredo (1932) etwa wird nicht als I Was Born, but… geführt, sondern völlig nichtssagend als Children of Tokyo.
Angemeldete imdb-User können den Unsinn wieder abstellen. Einfach unter “Site Preferences” “Title display default” von “english” auf “original” wechseln.

Lola & Kinatay im Kino

The Canine Condition empfielt: Lola und Kinatay, zwei Filme des philippinischen Regisseurs Brillante Mendoza, die heute in den (genauer: einigen) deutschen Kinos anlaufen. Der für seinen Wagemut unbedingt zu lobende Verleih: rapid eye movies. Demnächst auch hier mehr zu Brillante Mendoza…

Philippine New Wave: This is not a Film Movement

Ich kenne das von Khavn de la Cruz herausgegebene Buch “Philippine New Wave: This is not a Film Movement” noch nicht, aber diese Ankündigung verspricht in der Tat einiges.

Auf Youtube ist jetzt eine Art Trailer zum Buch aufgetaucht:

Klassenverhältnisse, ca. 1987

Dies als Anstoß zu einer imaginären Filmreihe mit dem Titel “The Proletarian Imaginary of Reaganite Hollywood, 1981-1989″. Weitere Kandidaten: Flashdance (Adrian Lyne, 1983), Thief (Michael Mann, 1981), They live (John Carpenter, 1988). Vielleicht noch, obwohl ganz schön versöhnlerisch: Pretty in Pink (Howard Deutch, 1986), Breakfast Club (Howard Hughes, 1985). Unter Umständen, wegen des hohen Aufkommens an Schaukämpfen in Supermärkten und Industrieruinen: The Terminator (James Cameron, 1984) und Cobra (George P. Cosmatos, 1986). Eher nicht: Footloose (Herbert Ross, 1984). Schade, dass sich Blue Collar (Paul Schrader, 1978), Dog Day Afternoon (Sidney Lumet, 1975) und Killer of Sheep (Charles Burnett, 1977) periodisch und sonstwie nicht ausgehen… Weitere Hinweise erbeten.

Addenda:

Fantasies – and Horrors – of Upward Mobility: All the right moves (Michael Chapman, 1983), Society (Brian Yuzna, 1989). Norma Rae Lives: Silkwood (Mike Nichols, 1983). Die Angestellten: Nine to Five (Collin Higgins, 1980). Auch ein bisschen zu früh, aber was soll’s: Every Which Way But Loose (James Fargo, 1978).

Žilnik!

Auf Olaf Möllers Empfehlung habe ich mich mit dem bosnischen Regisseur Želimir Žilnik vertraut gemacht. Seine drei Kenedi-Filme – Kenedi se vraca kuci, Kenedi, Lost and Found und Kenedi se ženi – sind von einer Intensität, die man nur deshalb aushält, weil der schelmische Protagonist es einem vormacht. Žilnik begleitet Kenedi, einen jungen Roma, der vor einiger Zeit aus Deutschland abgeschoben wurde, bei seinen mal mehr mal weniger zielvollen Wegen und Verrichtungen, und lernt dabei eine Reihe von Roma-Familien kennen, die dasselbe Schicksal ereilte. Das Mischverhältnis zwischen dokumentarischen und fiktionalen Anteilen ist absichtsvoll verunklärt, am besten ist Žilniks Strategie als Fiktionalisierung des Dokumentarischen zu bezeichnen: Noch wo Kenedis Erlebnisse uns als offensichtlich inszenierte Rückblenden erreichen, zweifeln wir nicht an ihrer Wahrheit, die sich folglich nicht so sehr am “So ist es gewesen” eines fotografischen Abbildrealismus bemisst, denn am leidvollen Erfahrungsschatz einer buchstäblich marginalisierten, an den Rand gedrängten Minderheit: Weder die EU-Staaten, aus denen sie abgeschoben wurden, noch ihre Herkunftsländer, wo sie in behelfsmäßigen Barrackenstädten ein Leben ohne Perspektive fristen, wollen diese Roma in ihrer Mitte haben.

Die Filme vermitteln den Eindruck, als hätten Žilnik und Kenedi (samt dessen Freunden, Verwandten und Bekannten) gemeinsam an ihnen fabuliert. In diese kollektiv gestalteten Leidensgeschichten bricht aber immer wieder ein Schmerz ein, der sich noch gar nicht erzählen lässt; über den die Leidtragenden noch nicht als Geschichte verfügen können, so kurz liegt er zurück. Eine Familie, die Kenedi am Flughafen aufliest, wurde in den frühen Morgenstunden von deutschen Polizeibeamten aus ihrer Wohnung verschleppt und umgehend deportiert. Die Kinder, aufgewachsen in Deutschland, haben Schwierigkeiten zu verstehen, wie ihnen geschieht, die übernachtigen Eltern ringen, zwischen Empörung und Resignation changierend, um Worte. Ihr Schicksal trifft uns, noch bevor es zur Geschichte wurde, als Unbegriffenes. Trotzdem begreift, wer sich von Kenedi an der Hand führen lässt, sehr viel über die unerträglichen Zustände an der europäischen Außengrenze. Darin liegt die politische Stärke der Filme: Von extremen Erfahrungen der Ohnmacht und Entwurzelung zu erzählen, ohne das Unzureichen solchen Erzählens aus dem Blick zu verlieren.

Lav Diaz on DVD

Die wichtigste DVD-Veröffentlichung des Jahres scheint sich auf den Philippinen zu materialisieren. Sine Olivia Pilipinas and Linao Films veröffentlichen gemeinsam drei Hauptwerke von Lav Diaz: Heremias, Death in the Land of the Encantos und Melancholia. Die DVDs scheinen liebevoll gemacht und mit interessanten Extras ausgestattet zu sein, ungeklärt ist bisher lediglich die Untertitelfrage, die verlinkte Seite gibt diesbezüglich nichts her. Es würde mich aber doch wundern, wenn die Veröffentlichung auf Untertitelung, ohne die eine Amortisierung einer derartigen Anstrengung noch weitaus schwieriger ausfallen dürfte, verzichten würde. Sobald wir Neuigkeiten haben, geben wir sie an dieser Stelle weiter.

Debatte

Vielleicht interessiert es ja den_die eine_n: der deutsche Kunstwissenschaftler Hans Belting hat sich in einem Artikel über islamischen/arabischen/iranischen Film ausgemehrt. Der Artikel heißt auf deutsch: Islamischer Film. Das Kino ist zu schnell fürs Bilderverbot (Faz.net) und auf englisch Islamic Film and Cultural Hegemony. Western Need for Distance (Qantara). Beim Lesen des Artikels fällt wahrscheinlich recht schnell auf, dass Belting weder von Kino allgemein noch von arabischem bzw. iranischem Kino allzu viel versteht. Weil es aber für den Umgang mit arabischen Filmen hierzulande recht charakteristisch ist, das irgendwer der irgendwann mal irgendwas mit arabisch geschrieben hat, für kompetent gehalten wird, dazu was zu schreiben, schien der Artikel einer Antwort wert zu sein. Deshalb haben sowohl Sarah als auch ich unterdessen auf unseren Blogs Reaktionen gepostet:

Wer darf hier wen kritisieren? Hans Beltings Text über “Islamisches Kino”
bzw. Zu Hans Beltings Überlegungen zum “islamischen Film”

Neues Material

Nunmehr im Materialteil von Spuren eines Dritten Kinos:

Lukas Foerster: Eine Perspektive fürs digitale Kino. Einführung zu den Filmen des Village Documentary Project

Elena Meilicke: Bitteres Kino. Einführung zu Dr. Ma’s Country Clinic / Ma dai fu de zhen suo

Coming soon: Amigo von John Sayles

Der neue Film von John Sayles, der noch dieses Jahr erscheinen soll, wird sich mit dem amerikanisch-philippinischen Krieg 1899 bis 1902 beschäftigen. Das Thema scheint plötzlich wieder auf der Tagesordnung zu sein: Nach John Gianvitos Vapor Trail (Clark) ist Amigo (hier das Blog zum Film, unter anderem mit einem ersten Trailer) gleich der zweite Film in 2010, der sich mit diesem lange fast unsichtbaren Kolonialkrieg (der mehr Todesopfer forderte als drei Jahrhunderte spanische Kolonisierung der Philippinen) beschäftigt. Der einzige mir bekannte Mainstreamfilm zum Thema ist Henry Hathaways proamerikanischer, in politischer Hinsicht kaum erträglicher Abenteuerfilm The Real Glory (1939). Es wird interessant sein, zu sehen, wie Sales’ Film sich zu dieser problematischen Erinnerungsgeschichte verhält. Und natürlich auch, was es eventuell mit anderen historiografischen Projekten wie beispielsweise Raya Martins Independencia zu tun haben könnte.

Auch Sayles’ neuer, noch nicht erschienener Roman A Moment in the Sun wird sich – unter anderem – mit dem philippinisch-amerikanischen Krieg beschäftigen und scheint den Versuch zu unternehmen, diesen in ein größeres historisches Narrativ einzuordnen.