Im Juni läuft im Arsenal eine Werkschau des brasilianischen Cinema-Novo-Regisseurs Joaquim Pedro de Andrade: ich habe Macunaíma (1969), Vereda Tropical (1977) und O Homem Do Pau-Brasil (1981) gesehen.
Macunaíma ist die Verfilmung und zugleich politische Radikalisierung des gleichnamigen modernistischen Epos von Mario de Andrade. Er erzählt von den Peripetien des Antihelden Macunaíma, der als Schwarzer im Urwald geboren wird, durch das Wirken einer magischen Quelle weiß wird, und nach dem Tod seiner Mutter mit seinen Brüdern nach Sao Paulo zieht. Hier wird er sich in die urbane Guerrilla-Kämpferin Ci verlieben, die sich, als ultimativer Protest, in die Luft sprengt. Nach ihrem Tod begibt sich Macunaíma auf die Suche nach Cis verlorenem Glücksbringer, der in die falschen Hände geraten ist: die des Antagonisten-Kapitalisten Venceslau Pietro Pietra. Zum Schluss findet Macunaíma den Stein und kehrt zurück in den Urwald, wo er, einsam und degradiert, vom magischen Wassergeist Uíara gefressen wird.
Macunaíma ist eine groteske Allegorie des „Fressen-und-Gefressen-werdens“ – oder, mit dem Regisseur selbst gesprochen, „ die Geschichte Brasiliens, das sich selbst frisst“. Das Motiv der Antropofagia (Menschenfresserei) hat eine lange Tradition in den Künsten Brasiliens. In den 20er Jahren schreibt der modernistische Schriftsteller Oswald de Andrade das „Manifesto Antropófago“. Darin definiert er die Antropofagia als den positiven, kreativen Prozess des Verschlingens (Einverleibens) kultureller Einflüsse. Dadurch wird die Bezeichnung des Kannibalen, die vom europäischen, kultivierten Mann als Erniedrigungsformel für die Einwohner Brasiliens benutzt wurde, um sich selbst von den „Primitiven“ abzugrenzen, als positives Merkmal der Einzigartigkeit und Chiffre für den Synkretismus der brasilianischen Kultur gleichsam umgedreht und neubewertet. O Homem do Pau-Brasil, Andrades letzter Film, erzählt Oswald de Andrades exzessives und buntes Lebens: er ist als nonkonformistischer Dandy, der gleichzeitig von einem Mann und einer Frau gespielt wird, dargestellt. Das “Manifesto Antropófago”- und das Dilemma “Tupi or not Tupi – that is the question”- wird an mehreren Stellen zitiert, die etwas langatmigen Dialogsequenzen lassen aber das Hektische und Improvisierte von Andrades Leben verschwinden.
In den 6oer Jahren wurde die Antropofagia-Metapher von der Filmbewegung Cinema Novo wieder aufgenommen und im Kontext der postkolonialen Debatte interpretiert. So bezeichnet das Kauen und Widerkauen nicht mehr die kulturelle Hybridität Brasiliens, sondern wird zur Metapher für die Ausbeutungsverhältnisse zwischen Kolonisatoren und Kolonisierten. Soziale Verhältnisse sind nach Regisseur Joaquim Pedro de Andrade als kannibalisch zu betrachten:
„Every consumer is reducible, in the last analysis, to cannibalism. The present work relationships, as well as the relationships between people – social, political and economic – are still basically cannibalistic. Those who can, „eat“ others through their consumption of products, or even more directly in sexual relationships.“
In Macunaíma stellt der Kannibalismus nicht nur ein märchenhaftes Motiv, das des bösen, im Wald versteckten Ogers dar, sondern ist gleichzeitig ein subtiler Subtext, der auf die Ausbeutung des unterentwickelten Brasiliens durch das ausländische Kapital hinweist. Emblematisch dazu erscheint die Szene des Hochzeitsbanketts in Venceslaus Villa kurz vor Ende des Films. In einer Apotheose von Farben, Musik und Exzessen feiert die Bourgeoisie in einer Art autokannibalistischen Lotterie seine eigene räuberische Attitüde. Wer beim Spielen gewinnt, wird in ein Schwimmbecken voller Leichen und Blut geworfen und von Piranhas gefressen. In einem Triumph von Fleisch und Konsum feiert die Bourgeoisie ihre Selbstinszenierung, die durch Dekadenz und Maßlosigkeit geprägt ist. Anschließend nehmen wir am Tod Venceslaus teil, der schließlich von Macunaíma in das verdorbene Wasser geworfen wird: der Höhepunkt dieses großen Karnevals.
Vereda Tropical ist eine Episode des Films Contos Eróticos (Erotische Erzählungen) aus dem Jahr 1977 und eine pornochanchada-Parodie: leichte Softporno-Komödien, die zur Zeit der militärischen Diktatur sehr populär waren. Das anthropofagische Verschlingen wird in Vereda Tropical zur ironischen Assemblage von pornochanchada-Tropen, die umgekehrt werden: so ist der Protagonist keine machoider Athlet, sondern ein mittelmäßiger Mann, der unter Ejaculatio praecox leidet und seine Freude bei einer Wassermelone sucht. Die einzige Frau, die im Film vorkommt, ist eine Studentin mit Brille, die neugierig, interessierte Frage über die sonderlichen Leidenschaften ihres Freunds stellt. Vereda Tropical ist ein Tribut an die Heterogenität der Liebe: die rote Einstellung der Penetration aus dem Inneren der Wassermelone sprengt die Grenzen eines männlich-voyeuristischen Blickregimes.
(Hintergedanke: Über pornochanchadas kann man ab und zu lesen, ich freue mich darauf, etwas davon endlich auch im Kino zu sehen).
Über Kannibalismus und Macunaíma siehe Robert Stams Essay in: ders., Brazilian Cinema.


Zu Macunaíma siehe auch J.R. Molotniks Besprechung des Films unter http://www.ejumpcut.org/archive/onlinessays/jc12-13folder/macunaima.html, der die in dem Film aufgegriffenen Hintergründe recht gelungen aufdröselt.
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