Guerra Conjugal, Joaquim Pedro de Andrade, 1975

In Ergänzung zu Cecilias Text zu Joaquim Pedro de Andrade.

Dem Cinema Novo wurde nicht selten vorgeworfen, dass seine komplexen, oft allegorisch-obskurantistischen Filme in ihrer Ästhetik ihrem politischen, sozialreformerischen Impetus, ihrer Vermittelbarkeit, entgegen liefen. In seiner klassisch antiientellektuellen, paternalistischen Variante würde ich dieses Argument ja ohne weitere Anstrengungen zurückweisen wollen, schon alleine, weil es auf nichts anderes hinaus läuft als auf den stalinistischen Einspruch gegen Eisenstein. Interessant wird es erst dann, wenn die Filme selbst diese Problematik zu reflektieren beginnen. Zu denken ist da zuerst an Glauber Rochas Meisterwerk Terra em transe. Aber auch das Werk de Andrades scheint mir ein nicht uninteressantes Untersuchungsobjekt. De Andrade war ein weitaus weniger begabter Regisseur als Rocha und es gelang ihm soweit ich das bislang überblicken kann, nie wirklich (es sei denn, vielleicht, mit Macunaima), seine eigene privilegierte, in sich widersprüchliche Sprecherposition ästhetisch zu transformieren. Die Filme de Andrades wirken immer etwas bühnenhaft, er versucht zwar, ein didaktisches Setting zu vermeiden, landet aber meistens bei allegorischen Formen, die etwas zu durchsichtig auf die theoretischen und politischen Überlegungen sind, die das Gerüst der Filme ausmachen.

Aber es gibt interessante Versuche. Einer davon ist Guerra Conjugal, ein Spielfilm aus dem Jahr 1975. Guerra Conjugal versucht sich an einer Aneignung der Form der Pornochanchada, der populären Sexkomödien, die während der repressivsten Phase der Militärdiktatur in den 70ern einen großen Teil der brasilianischen Filmproduktion ausmachten. Guerra Conjugal verbleibt – und das erscheint mir typisch für de Andrades Gesamtwerk – in einer recht ungenauen Distanz zu den (mir leider nicht bekannten, aber es fällt nichts allzu schwer, sich da das eine oder andere Vorurteil zu bilden) populären Vorbildern. Es gibt drei Erzählstränge, die allerdings auch jeweils selbst wenig kohärent sind und in einzelne Anekdoten zerfallen.

Im Zentrum steht jeweils ein Mann. Zwei davon begegnen einer Reihe unterschiedlicher Frauen, der dritte und älteste ist am Ende seines Weges und bei der letzten Frau angekommen. Jetzt macht er ihr das Leben zur Hölle. Dieser dritte Handlungsstrang ist äußerst bedrückend, die Komödienroutinen, die sich in ihn einschleichen, sind verwirrende, verstörende Fremdkörper. In diesem dritten Strang, der vom Pornochanchada-Mainstream freilich vermutlich sehr weit entfernt ist, funktioniert der Film am besten. Auch in den beiden anderen Strängen geht es vor allem darum, bürgerliche Vorstellungen von Männlichkeit zu zertrümmern. Es geht um einen verheirateten Anwalt, der sich in mehreren Affären gleichzeitig verzettelt, um seine latente Homosexualität zu verdrängen und um einen jungen Mann, der mit einem Mutterkomplex kämpft und Zuflucht bei Prostituierten sucht. Es gibt einige ganz amüsante Komödien-Routinen, die aber nicht verschleiern können, dass die Kritik, die der Film übt, die individualistisch-bürgerliche Perspektive nie verlässt, nie verlassen kann. Und sie wecken Neugierde auf eben das, wovon sie sich abzusetzen wünschen.

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