„Was ist das Leben? Ist es der Anfang des Todes? Was ist der Tod? Er ist das Ende des Lebens. Was ist die Existenz? Sie ist die Blutfortsetzung. Was ist das Blut? Das ist der Grund des Lebens“.
Zé do Caixão in À Meia-Noite Levarei Sua Alma
“I am an atheist, thank God”
Luis Bunuel, 1977 (in: The New Yorker)
Der Leichenbestatter Zé do Caixão – aka Coffin Joe – ist der Protagonist von José Mojica Marins’ makabrer Trilogie, die mit À Meia-Noite Levarei Sua Alma (1963) beginnt, mit Esta noite encarnarei no teu cadáver (1964) eine Fortsetzung findet und 40 Jahre später, mit Encarnação do Demônio, ihr Ende nimmt. Zé do Caixão ist ein nietzscheanischer Anti-Held jenseits von gut und böse, ein wandelnder Albtraum mit langen, gekrümmten Fingernägeln, bekleidet mit Zylinder und schwarzem Mantel. Von Größenwahn besessen verfolgt er das Ziel, die perfekte Frau zu finden und mit ihr einen Sohn zu zeugen, der seine Blutlinie weiterführen soll. Er verfolgt sein Ziel mit unermüdlicher Beharrlichkeit und gnadeloser Genauigkeit: in dem kleinem Dorf irgendwo in der Provinz Sao Paulo erweist es sich aber als schwierig, die vorherbestimmte, perfekte Frau zu finden: Sie soll zugleich kaltblütig, atheistisch und natürlich gut aussehend sein.
Nachdem Zé do Caixão in À Meia-Noite Levarei Sua Alma seine Frau Lenita getötet und die unschuldige Terezinha zum Suizid gezwungen hatte, entführt er am Anfang von Esta noite encarnarei no teu cadáver die schönsten (und ungläubigsten) Frauen des Dorfes, um sie auf seinem Grundbesitz, der am Rande des Dorfes liegt, einzusperren. Nach Märchenmotiven foltert der böse Oger mithilfe seines buckeligen Helfers die wehrlosen Mädchen, mit echten Schlangen und giftigen Taranteln. Die Mädchen, mit durchsichtigen, niedlichen Nachthemdchen angetan, drängen sich zum Schlaf auf winzigen Bettchen. Der Zuschauer wird zum Voyeur, sein Blick überlagert sich mit dem von Zé do Caixão, der abwartend hinter der Tür luchst um zu sehen, wer die Mutproben überstehen wird. Diese merkwürdige Sequenz erinnert an das erste Segment von Marins späterem Episodenfilm O Estranho Mundo de Zé do Caixão (1968). Ein alter Puppenmacher und wohnt mit seinen vier Töchtern zusammen: auch hier lauern böse Männer hinter dem Türrahmen, die das Reich kindlich naiver Mädchen als Vision eines penetranten, lüsternen Blicks erschließt.
Am Ende von O Estranho Mundo de Zé do Caixão wird sich herausstellen, warum die Augen der Puppe so lebendig funkelten, als wären sie menschlich: wie in jeder moralischen Parabel werden die gierigen Blicke/Augen bestraft und für immer festgehalten, unbeweglich gemacht. Auch in der zweiten Episode geht es um Männerblicke und Besessenheit: der poetische Essay erzählt von einem armen Luftballonverkäufer, der eine Frau – gespielt von der damaligen Sex-Ikone Íris Bruzzi – buchstäblich bis ins Grab verfolgt.
Legende und Realität fließen in der Figur Zé do Caixão ineinander: sein Schöpfer Marins erzählt gern die Anekdote, dass er von dem schrecklichen, schwarz gekleideten Leichenbestatter eines Nachts im Traum heimgesucht worden sei. Tags darauf war ihm sofort klar, dass er die Inspiration und den Stoff für seinen – wie auch Brasiliens – ersten Horrorfilm gefunden hatte. Seither gilt Zé do Caixão als eine Art Alter Ego José Mojica Marins’. Der tritt kaum ohne die langen Fingernägeln und das schwarze Kostüm in der Öffentlichkeit auf – die performative Ebene lässt die Konturen zwischen Film und Realität verschwimmen. Auch in Ritual dos Sàdicos (1969), der 17 Jahre von der Zensur verboten wurde und erst 1986 unter dem Titel O Despertar da Besta beim RioCine Film Festival gezeigt werden konnte, gehen Zé do Caixão und sein Schöpfer ineinander über. Gleich einem psychedelischen Karussell kombiniert der Film Einflüsse aus der Musik Jimi Hendrix’ und der Hippie-Subkultur der 70er-Jahre mit Reflexionen über den LSD-Konsum. In einer inszenierten Fernsehdebatte wird über den steigenden Drogenkonsum diskutiert, neben Ärzten und Psychiatern erscheint auch José Mojica Marins als Gast. Als er als „nicht hinreichend vorbereitet“ angesprochen wird, fordert er mehr Respekt, weil er als José Mojica Marins spreche und nicht als sein fiktiver Doppelgänger Zé do Caixão.
Zé do Caixão ist ein provozierender Charakter: er verkörpert gleichzeitig den gnadenlosen, frauenfeindlichen Vasall und den subversiven Anarchisten, der mit seiner Amoralität die atavistischen Institutionen und Mächte Brasiliens – Kirche, Polizei, Politik – herausfordert. Zugleich wird Zé do Caixão von seinem Publikum als der „Feind“ identifiziert: er das schlechthin Andere, das allem widerspricht, was die gütige Nächstenliebe christlicher Provenienz ausmacht.
So wusste Marins, der, als Sohn spanischer Einwanderer (sein Vater war Stierkämpfer und seine Mutter Tangosängerin) selbst der Unterschicht entstammte, wie tief christliche Traditionen – der Respekt für die Toten und für die christlichen Feste – in diesem sozialen Milieu verankert waren; und dass sie zu verspotten eine harsche Provokation darstellte.
Die Sequenz also, worin ein zufriedener Zé do Caixão in À Meia-Noite Levarei Sua Alma trotz des heiligen Freitags in seine Trophäe – eine blutige Lammkeule – beißt und die heilige Prozession, die gerade durch die Straße defiliert, auslacht, wirkt besonders blasphemisch und skurril. Weiters enthält Zé do Caixãos diabolisches Lachen gleichzeitig etwas Befreiendes: eine energetische Explosion, die mit dem in der Prozession gesungenen, gedämpften Motiv des Ave Maria kontrastiert und die an Michail Bachtins Idee eines karnevalesken, subversiven Lachens, als Zelebrierung eines materiell-leiblichen Prinzips, anknüpft.
Das Kino Marins’ adressiert das Volk über dessen Ängste und Traditionen, gegen die Zé do Caixãos exzentrische Manieren aufbegehren. Die Gestalt Zé do Caixão speist sich aus der brasilianischen Folklore: er erinnert einerseits an die legendären Figur des Cangaceiro, der Bandit aus dem dürren Sertão im Nordosten Brasiliens, der gleichzeitig Verbrecher und Held ist und der am Anfang des Jahrhunderts Landbesitzer terrorisierte. Andererseits evoziert sein beunruhigendes Aussehen Voodoo, Exorzismen und die schwarze Magie der Quimbanda-Rituale. Die Gestalt Zé do Caixão und die Präsenz von Elementen aus der brasilianischen Folklore wirken auf ein brasilianisches Publikum anders als bei einer ausländischen Rezeption: was bei dieser als kitschiger Humor oder lustige Naivität abgetan werden könnte, knüpft im brasilianischen Kontext an einen diffusen Aberglauben und religiöse Praktiken an.
Von Anfang an spalteten José Mojica Marins’ Filme das Publikum: die Mischung aus Gewalt, Sex und Blasphemie machte À Meia-Noite Levarei sua Alma zum Kassenerfolg und zog gleichzeitig die Aufmerksamkeit und Begeisterung zeitgenössischer Intellektueller und Cinema Novo-Regisseure – unter anderem von Glauber Rocha – auf sich, die Marins zu der Reihe der experimentellen Underground-Kinobewegung des Cinema Marginal zählten.
-Auf Lukas Foersters Blog findet man noch eine Rezension über Marins Finis Hominis (1971)


muss es nicht 10.06 heissen?
Muss es in der Tat, danke für den Hinweis. Hab das im Link mal geändert…