Mischmodernismus: Zu Raj Kapoors Shree 420

In dem Clip, der dem Anfang von Raj Kapoors Shree 420 entnommen ist, stellt der Regisseur und Hauptdarsteller seine eklektische Figur Raj, auf dem Weg vom Land in die Stadt Bombay, vor. Raj ist ein reiner Kino-Hybrid (ein Anteil Chaplins Tramp, ein Anteil Trickster), der so mühelos wie der ganze, unwahrscheinlich vielgestaltige Film konträre Genres, Affekte, Sentiments zusammenbringt: ein Wegbereiter Bollywoods. Aber in noch einem anderen Sinn ist Raj ein Mischwesen. Seine Schuhe kommen aus Japan, seine Hose aus England, und seine Mütze aus Russland, so stimmt er das Publikum in dem einleitenden Song auf seine Lumpen-Persona ein – aber das Herz, so wird am Ende des Refrains klar, gehört dennoch Indien. Was das heißt, versteht man erst so richtig, wenn ihm späterhin ein ziemlich ruchloser Kapitalist und Angehöriger der nationalen Bourgeoisie entgegentritt, in dessen Rede an das arme Volk Rajs catch phrase wiederkehrt, durch die Mangel des Populismus gedreht. “Meine Schuhe sind aus Indien, meine Hose auch, und auch meine Mütze ist indisch”, sagt der Kapitalist sinngemäß, und: “Indisches Kapital soll in Indien bleiben.” Schon 1955 scheint der Nationalismus keine Befreiungsideologie mehr zu sein, sondern die bevorzugte Beschwörungsformel der neuen, postkolonialen Eliten.

An Rajs Trickster, dem titelgebenden Herrn “420″ – der entsprechende Paragraph des indischen Strafgesetzbuches kodifiziert den Tatbestand von Diebstahl und Täuschung –, ist nur mehr noch das Herz indisch, ansonsten nimmt er, was er kriegen kann. So wie dem Film, sind Raj alle Mittel recht, was im Verlauf der narrativen Bewegung von Shree 420 vom findigen Trickstertum zur ganz und gar positiv bestimmten modernen Haltung umcodiert wird. Am Ende steht Raj wieder auf der Landstraße, und will sich aufmachen zu neuen Ufern. Seine Geliebte, eine Lehrerin, hält ihn zurück und führt ihn am Arm zurück nach Bombay, das nun aber eine ganz andere Studiokulisse ist also noch zu Beginn: An die Stelle traditioneller Bauten, von denen Coca Cola Werbetafeln prangen, tritt im aureolisch leuchtenden Schlussbild eine kubische Sozialbausiedlung aus Beton, die wir, das wird vom Ende des Films her lesbar, Rajs indisch-beherztem – aber japanisch, englisch und sonstwie besohlten – Modernismus verdanken.

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