
Auf Olaf Möllers Empfehlung habe ich mich mit dem bosnischen Regisseur Želimir Žilnik vertraut gemacht. Seine drei Kenedi-Filme – Kenedi se vraca kuci, Kenedi, Lost and Found und Kenedi se ženi – sind von einer Intensität, die man nur deshalb aushält, weil der schelmische Protagonist es einem vormacht. Žilnik begleitet Kenedi, einen jungen Roma, der vor einiger Zeit aus Deutschland abgeschoben wurde, bei seinen mal mehr mal weniger zielvollen Wegen und Verrichtungen, und lernt dabei eine Reihe von Roma-Familien kennen, die dasselbe Schicksal ereilte. Das Mischverhältnis zwischen dokumentarischen und fiktionalen Anteilen ist absichtsvoll verunklärt, am besten ist Žilniks Strategie als Fiktionalisierung des Dokumentarischen zu bezeichnen: Noch wo Kenedis Erlebnisse uns als offensichtlich inszenierte Rückblenden erreichen, zweifeln wir nicht an ihrer Wahrheit, die sich folglich nicht so sehr am “So ist es gewesen” eines fotografischen Abbildrealismus bemisst, denn am leidvollen Erfahrungsschatz einer buchstäblich marginalisierten, an den Rand gedrängten Minderheit: Weder die EU-Staaten, aus denen sie abgeschoben wurden, noch ihre Herkunftsländer, wo sie in behelfsmäßigen Barrackenstädten ein Leben ohne Perspektive fristen, wollen diese Roma in ihrer Mitte haben.
Die Filme vermitteln den Eindruck, als hätten Žilnik und Kenedi (samt dessen Freunden, Verwandten und Bekannten) gemeinsam an ihnen fabuliert. In diese kollektiv gestalteten Leidensgeschichten bricht aber immer wieder ein Schmerz ein, der sich noch gar nicht erzählen lässt; über den die Leidtragenden noch nicht als Geschichte verfügen können, so kurz liegt er zurück. Eine Familie, die Kenedi am Flughafen aufliest, wurde in den frühen Morgenstunden von deutschen Polizeibeamten aus ihrer Wohnung verschleppt und umgehend deportiert. Die Kinder, aufgewachsen in Deutschland, haben Schwierigkeiten zu verstehen, wie ihnen geschieht, die übernachtigen Eltern ringen, zwischen Empörung und Resignation changierend, um Worte. Ihr Schicksal trifft uns, noch bevor es zur Geschichte wurde, als Unbegriffenes. Trotzdem begreift, wer sich von Kenedi an der Hand führen lässt, sehr viel über die unerträglichen Zustände an der europäischen Außengrenze. Darin liegt die politische Stärke der Filme: Von extremen Erfahrungen der Ohnmacht und Entwurzelung zu erzählen, ohne das Unzureichen solchen Erzählens aus dem Blick zu verlieren.

Neben 8 Khavn De La Cruz Kurzfilme läuft eine Želimir Žilniks Retrospektive gerade und noch bis Samstag beim Dokufest 2010-What’s up in Prizren (Kosovo)..schaffst du noch!